„Ich genüge nicht“ – wenn ein alter Glaubenssatz nach Stärke und Leistung aussieht

Wenn wir den Satz „Ich genüge nicht“ hören, haben wir wahrscheinlich relativ schnell ein bestimmtes Bild im Kopf. Wir denken an einen Menschen, der wenig Selbstvertrauen hat, an sich zweifelt, sich vielleicht nicht viel zutraut oder immer wieder das Gefühl hat, nicht gut genug zu sein.
Was wir wahrscheinlich weniger schnell damit verbinden, ist ein Mensch, der sehr selbstständig ist, unglaublich viel leistet, Verantwortung übernimmt, für andere da ist, Entscheidungen trifft und nach aussen ziemlich selbstbewusst durchs Leben geht.
Und trotzdem kann genau dahinter derselbe Glaubenssatz stecken.
Vielleicht sogar so gut versteckt, dass wir selbst ihn lange nicht erkennen, weil unser Leben ja funktioniert und weil viele der Eigenschaften, die daraus entstehen, von unserem Umfeld sogar sehr positiv wahrgenommen werden.
Genau darüber habe ich während meines Monats in Spanien wieder einmal einiges über mich selbst gelernt.
Wenn Helfen zu einem Müssen wird
Ich war vier Wochen im Refugio von Parenas Pfotenhilfe in Spanien und wer mich kennt, weiss, dass ich dort nicht unbedingt Ferien mache. Ich arbeite im Refugio mit, versorge Tiere, putze Gehege, begleite Tierarztbesuche, mache Fotos und Videos, organisiere und erledige all die kleinen Dinge, die bei so vielen Tieren jeden Tag anfallen. Dieses Mal kamen noch die Hochzeit von Carmen und Manu und eine ziemlich intensive Bauwoche dazu und irgendwo dazwischen lief natürlich auch meine normale Arbeit in der Schweiz weiter.
Ich kann sehr viel leisten, wenn mir etwas wirklich wichtig ist, und grundsätzlich ist das eine Eigenschaft, die ich an mir mag. Ich helfe gerne, ich übernehme gerne Verantwortung und wenn ich sehe, dass etwas gemacht werden muss, dann fällt es mir definitiv leichter, es selbst schnell zu erledigen, als darauf zu warten, ob es vielleicht irgendwann jemand anderes macht.
Das möchte ich auch gar nicht verändern.
Was ich aber verändern möchte, ist der Punkt, an dem aus diesem ehrlichen „Ich möchte helfen“ langsam ein „Ich muss helfen“ wird und ich anfange, Verantwortung zu übernehmen, die vielleicht gar nicht meine wäre.
Genau diesen Punkt habe ich in Spanien wieder einmal ziemlich deutlich gespürt.
Ich nehme sehr schnell wahr, was die Menschen um mich herum brauchen, wo jemand Unterstützung benötigen könnte, was noch erledigt werden muss oder wo ich vielleicht etwas abnehmen könnte, und wenn ich nicht aufpasse, passiert dabei etwas, das ich ebenfalls sehr gut von mir kenne: Meine eigenen Bedürfnisse werden immer leiser.
Nicht weil sie nicht da wären, sondern weil alles andere gerade wichtiger erscheint.
Und das Interessante daran ist, dass das von aussen wahrscheinlich sehr lange überhaupt nicht problematisch aussieht. Im Gegenteil, es sieht nach Engagement, Hilfsbereitschaft, Belastbarkeit und Verantwortungsbewusstsein aus und wahrscheinlich würden viele Menschen sogar sagen: Das sind doch tolle Eigenschaften.
Sind sie auch.
Die Frage ist für mich deshalb nicht, ob es gut oder schlecht ist, viel zu leisten, Verantwortung zu übernehmen oder für andere Menschen da zu sein.
Die Frage ist vielmehr, warum ich es tue und ob ich dabei wirklich eine Wahl habe.
„Ich genüge nicht“ kann ziemlich gut funktionieren
Ein Glaubenssatz wie „Ich genüge nicht“ muss sich nicht zwangsläufig darin zeigen, dass ich mich klein mache oder mir nichts zutraue. Gerade beim Thema Selbstwert zeigt sich sehr häufig, dass unser Wert unbewusst an Leistung, Anerkennung oder das Gefühl, gebraucht zu werden, geknüpft wird.
Vielleicht bin ich diejenige, auf die man sich immer verlassen kann. Vielleicht fällt es mir schwer, um Hilfe zu bitten. Vielleicht bekomme ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich Nein sage, oder ich merke erst sehr spät, dass meine eigenen Grenzen längst erreicht sind.
Und vielleicht denke ich trotzdem von mir, dass das Thema „nicht genügen“ eigentlich gar nicht zu mir passt.
Schliesslich bin ich doch selbstbewusst.
Ich weiss, was ich kann.
Ich treffe Entscheidungen.
Ich stehe meine Frau.
Nur schliesst das eine das andere für mich überhaupt nicht aus.
Ich kann heute sehr viel Selbstvertrauen haben und trotzdem noch einen alten Glaubenssatz in mir tragen, der irgendwann einmal entstanden ist. Und dieser Glaubenssatz muss auch nicht jeden Bereich meines Lebens bestimmen, sondern kann sich vielleicht nur noch in ganz bestimmten Situationen zeigen.
Genau deshalb finde ich es so wichtig, nicht nur auf das sichtbare Verhalten zu schauen, sondern darauf, was dieses Verhalten eigentlich antreibt.
Einfach weniger machen wäre doch die Lösung – oder?
Natürlich könnte ich nach diesem Monat in Spanien einfach sagen: Bianca, beim nächsten Mal machst du weniger, planst mehr Pausen ein und setzt früher Grenzen, bevor deine eigenen Bedürfnisse immer weiter nach hinten rutschen.
Und ja, ein Teil davon ist sicherlich richtig und ich möchte einiges davon auch ganz bewusst verändern.
Nur kenne ich mich mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass es für mich damit nicht getan ist.
Denn wenn ich mir vornehme, Nein zu sagen, und in dem Moment, in dem ich es tue, entsteht in mir ein schlechtes Gewissen, dann bringt es mir wenig, mich anschließend dafür zu verurteilen, dass mir das Neinsagen schon wieder schwergefallen ist.
Dann interessiert mich vielmehr, warum dieses schlechte Gewissen überhaupt da ist.
Wenn ich mit meinem Kopf ganz genau weiss, dass ich nicht für das Wohlbefinden anderer Menschen verantwortlich bin, mich innerlich aber trotzdem verantwortlich fühle, dann kann ich mir diesen Satz noch hundertmal vorsagen und werde wahrscheinlich trotzdem wieder in ähnliche Situationen geraten.
Und wenn ich rational weiss, dass mein Wert nicht davon abhängt, wie viel ich leiste, mein ganzes System aber weiterhin so handelt, als müsste ich mir diesen Wert immer wieder verdienen, dann möchte ich verstehen, warum.
Genau da beginnt für mich die wirklich spannende Arbeit.
Nicht nur bei der Frage, was möchte ich anders machen?, sondern bei der Frage, warum fällt es mir bisher überhaupt so schwer, es anders zu machen?
Unsere Muster sind irgendwann aus einem Grund entstanden
Ich glaube nicht daran, dass wir uns schwierige Verhaltensweisen einfach ausgesucht haben, um uns das Leben möglichst kompliziert zu machen. Hinter einem Muster steckt meistens eine Geschichte. Vielleicht habe ich irgendwann gelernt, dass ich Anerkennung bekomme, wenn ich etwas besonders gut mache oder viel leiste. Vielleicht musste ich früh Verantwortung übernehmen oder habe gelernt, dass es einfacher ist, mich selbst zurückzunehmen, damit es allen anderen gut geht. Vielleicht habe ich erfahren, dass Harmonie sicherer ist als Konflikt oder dass ich besser zurechtkomme, wenn ich stark bin und niemanden brauche. Was genau dahinterliegt, ist bei jedem Menschen anders.
Und genau deshalb arbeite ich auch nicht gerne mit einfachen Aussagen wie „Du musst halt besser Grenzen setzen“. Denn vielleicht weiss der Mensch das längst. Die spannendere Frage ist für mich, was ihn innerlich immer wieder daran hindert, genau diese Grenze zu setzen. Welche Emotion hängt daran, welcher Glaubenssatz wirkt im Hintergrund und welche Erfahrung hat irgendwann dazu geführt, dass genau dieses Verhalten sinnvoll war?
Denn nur weil ein Muster irgendwann einmal wichtig war, bedeutet es nicht, dass ich es heute noch brauche.
Und dann denkt man: Nicht schon wieder dieses Thema
Auch das gehört für mich ganz persönlich dazu. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit mir selbst, mit meinen Emotionen, Glaubenssätzen und Mustern und habe in dieser Zeit unglaublich viel verändert.
Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen ein bekanntes Thema wieder auftaucht und ich denke: Ach Bianca. Wirklich? Sind wir jetzt tatsächlich wieder hier?
Und nein, ich finde das nicht jedes Mal grossartig. Manchmal kann ich sehr interessiert hinschauen und denken: Spannend, da scheint noch eine weitere Schicht zu liegen.
Und manchmal denke ich einfach nur: Nicht schon wieder. Wie oft soll ich dieses Thema denn bitte noch anschauen?
Auch das darf sein.
Denn persönliche Entwicklung bedeutet für mich schon lange nicht mehr, irgendwann an einem Punkt anzukommen, an dem mich überhaupt nichts mehr triggert und sämtliche Themen meines Lebens endgültig erledigt sind.
Viel wichtiger ist für mich, wahrnehmen zu können, was gerade passiert und unterscheiden zu lernen: Gehört diese Emotion tatsächlich zu meiner heutigen Situation oder reagiert gerade ein Teil von mir auf etwas, das eigentlich aus meiner Vergangenheit kommt?
Manchmal stelle ich sogar ganz bewusst Situationen wieder her, um zu schauen, ob noch etwas da ist. Nicht um mich selbst zu quälen, sondern weil ich wissen möchte, ob ein Thema wirklich neutral geworden ist oder ob noch eine emotionale Ladung vorhanden ist.
Und wenn da noch etwas ist, dann schaue ich es mir eben an. Nicht immer begeistert. Aber mittlerweile meistens ziemlich ehrlich.
Verstehen alleine reicht mir nicht
Das ist auch ein wesentlicher Teil meiner Coachingarbeit. Natürlich ist es wichtig zu verstehen, woher ein Muster kommt. Allein dieses Verständnis kann unglaublich viel verändern, weil plötzlich nachvollziehbar wird, warum wir in bestimmten Situationen so reagieren, wie wir reagieren.
Aber für mich ist Verstehen nicht das Ende der Arbeit.
Wenn hinter einem Verhalten noch eine Emotion oder ein Glaubenssatz wirkt, dann möchte ich genau dort weiterarbeiten.
Denn ich kann sehr genau wissen, warum ich etwas tue und trotzdem weiterhin darunter leiden.
Ich kann meine Kindheit analysiert haben, sämtliche Zusammenhänge kennen und genau benennen können, woher ein bestimmter Glaubenssatz kommt, und trotzdem kann mein Körper in der entsprechenden Situation noch immer mit derselben Angst, demselben schlechten Gewissen oder derselben Anspannung reagieren.
Genau deshalb geht es mir in meiner Arbeit darum, nicht nur zu erkennen, sondern auch zu verändern und zu lösen, was heute nicht mehr gebraucht wird.
Nicht damit die Vergangenheit verschwindet. Sie gehört zu uns und sie hat uns geprägt.
Aber sie muss nicht für den Rest unseres Lebens darüber entscheiden, wie wir reagieren.
Ich möchte weiterhin viel geben – aber aus einer anderen Freiheit heraus
Das ist für mich vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus diesem Thema.
Ich möchte nicht weniger hilfsbereit werden. Ich möchte auch nicht lernen, weniger zu leisten, keine Verantwortung mehr zu übernehmen oder in Zukunft nur noch zu schauen, was für mich selbst am bequemsten ist. Das wäre überhaupt nicht ich.
Ich möchte weiterhin mit ganzem Herzen für Menschen und Tiere da sein, Dinge bewegen, Verantwortung übernehmen und meine Energie dort einsetzen, wo sie etwas bewirken kann.
Aber ich möchte immer besser unterscheiden können, ob ich etwas gerade tue, weil ich es wirklich möchte und mich bewusst dafür entscheide, oder ob irgendwo in mir ein altes Muster glaubt, dass ich es tun muss.
Für mich liegt genau darin Freiheit.
Ich darf helfen, ohne retten zu müssen.
Ich darf Verantwortung übernehmen, ohne für alles verantwortlich zu sein.
Ich darf viel leisten, ohne dass meine Leistung darüber entscheidet, wie wertvoll ich bin.
Und ich darf auch einmal meine eigenen Bedürfnisse an erste Stelle stellen, ohne dass dadurch jemand anderes weniger wichtig wird.
Vielleicht geht es beim Glaubenssatz „Ich genüge nicht“ deshalb gar nicht nur darum, irgendwann endlich glauben zu können, dass wir genug sind.
Vielleicht lohnt sich zuerst eine andere Frage: Was glaube ich eigentlich noch alles tun, leisten, aushalten oder für andere sein zu müssen, damit ich genüge?
Und wenn ich darauf eine Antwort finde, kann ich anfangen hinzuschauen, was davon wirklich zu dem Menschen gehört, der ich heute bin, und was vielleicht noch aus einer Vergangenheit heraus wirkt, die meine Zukunft nicht mehr bestimmen soll.
Denn genau das ist für mich persönliche Entwicklung: Nicht ein anderer Mensch zu werden, sondern immer mehr von dem loszulassen, was mich daran hindert, wirklich aus mir selbst heraus zu leben.
Wenn du merkst, dass du ein Thema mit dem Kopf längst verstanden hast, aber trotzdem immer wieder in dieselben Reaktionen, Emotionen oder Muster zurückfällst, kann es sich lohnen, eine Ebene tiefer zu schauen. Genau dort setze ich in meinen Coachings an: bei den Emotionen, Glaubenssätzen und Erfahrungen, die unter dem sichtbaren Verhalten wirken, damit Veränderung nicht nur verstanden wird, sondern auch wirklich stattfinden kann.
Mehr zu meiner Arbeit und meinen Coachingangeboten findest du auf meiner Website.





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